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Stellungnahme unseres Vorstands: Was soll die Pflege noch leisten?

Noch nie habe ich den Weihnachtsfeiertagen und der Zeit zwischen den Jahren so sorgenvoll und angespannt entgegen geblickt. Der Grund dafür wundert nicht: Die Corona-Pandemie hält besonders die Pflegebranche weiter in Atem. Und das eigentlich mehr denn je – es ist ja nicht so, dass die Dinge nach fast einem Jahr Pandemie ruhiger laufen. Das lässt sich nicht vermeiden, und vieles kann man derzeit nur hinnehmen. Vieles – aber nicht alles. Denn es gibt Dinge, die mich dieser Tage mit einer Mischung aus Frust, Resignation und manchmal auch Wut zurücklassen.

Ich höre von vielen Menschen in meinem Umfeld, wie emotional zermürbend dieses Jahr bisher war. Niemand von ihnen arbeitet jedoch in der Pflege, für die 2021 noch einmal eine ganz andere Hausnummer darstellt. Seit Monaten bewegen wir uns, bewegen sich vor allem unsere Mitarbeitenden in einem enormen Spannungsfeld und unter noch größerem Druck.

  • Niemand will der- oder diejenige sein, der/die Kolleg*innen ansteckt oder das Virus ins Heim oder eine Pflege-WG bringt. Denn Beispiele dafür, wie Covid-19 in Pflegeeinrichtungen wüten kann, gibt es reichlich und immer wieder. 
  • Schon seit dem Frühsommer arbeiten unsere Mitarbeitenden in der Pflege in FFP2-Masken. Das erhöht nachweislich die Sicherheit – ist aber anstrengend und belastend. 
  • Die meisten unserer Kolleg*innen haben ihre Privatkontakte heruntergefahren, um sich und andere zu schützen. Und müssen gleichzeitig in den Nachrichten mitverfolgen, wie Partys und Feiern und sorgloser Umgang mit Mitmenschen verheerende Folgen nach sich ziehen. 
  • Schon seit Jahren wird die Altenpflege kaputt gespart. Und damit meine ich nicht die Gehälter (die Tariflöhne bewegen sich mittlerweile auf einem sehr guten Niveau), sondern vor allem die Personalschlüssel. Viel zu wenige Köpfe müssen viel zu viel leisten.
  • Das war schon vor der Pandemie so – und jetzt ist es noch schlimmer. Der Aufwand für Dokumentationen (Screenings, Schnellttests) und Sonderaufgaben (Schnelltests, Umsetzung der Besucherregelungen, Screenings, Impfbegleitung, Aufklärungsarbeit rund um Corona) wächst und wächst. Das erhöht nicht nur die schon vorher kritische Belastung unserer Mitarbeitenden in einemnicht mehr tragbaren Maße – sondern jede Hand, die diese Sonderaufgaben mit vornimmt, fehlt in der Pflege. 

 Und nun stehen die Weihnachtsfeiertage vor der Tür – und mit ihnen die Furcht vor dem großen Besucherandrang. Natürlich haben wir Besuchsregeln und Hygienevorgaben. Und noch bevor dazu die Pflicht vom Land NRW ausgerufen wurde, hatten wir unsererseits bereits beschlossen, Besucher*innen nur noch mit FFP2-Maske in unsere Häuser zu lassen. Und natürlich stehen wir mit unseren Angehörigen in Kontakt, bitten um Vorsicht und Umsicht und erfahren größtenteils viel Verständnis und Entgegenkommen. Wir tun alles, was möglich ist. Und haben trotzdem die große Angst, dass das nicht reicht. 

Nicht falsch verstehen: Wir wollen und werden unsere Häuser nicht schließen. Und wir wollen und werden Besuche nicht verbieten. Aber die derzeitigen Regelungen in Nordrhein-Westfalen sind zu lasch. Und das ist das, was mich zurzeit wütend macht. Wir wollen unsere Bewohner*innen schützen – können das jedoch nur bedingt. Und vor allem: Auch unsere Mitarbeitenden sind schützenswert.

Ein Rechenbeispiel: Ein Heimbewohner darf laut aktueller AV Pflege und Besuche zwei mal zwei Besucher pro Tag empfangen. Bei einem Heim mit 100 Bewohnern wären das über die drei Tage von Heiligabend bis zum Zweiten Weihnachtsfeiertag bis zu 1.200 Menschen pro Tag.

Natürlich rein theoretisch. Dass jede*r Bewohner*in so viel Besuch erhält, ist nicht unbedingt realistisch. Gleichwohl verdeutlicht diese Rechnung, was möglich ist – und gerade an den bevorstehenden Feiertagen werden viele Angehörige ihre pflegebedürftige Mutter oder den kranken Vater besuchen wollen. 

So toll das an und für sich auch ist: Als Pflegedienst macht uns das aus bekannten Gründen Sorge. Und an dieser Stelle fühlen wir uns von der Politik im Stich gelassen. Wir wünschen uns dringend Regeln, die es uns möglich machen, Besuche nicht zu unterbinden, wohl aber in einem sichereren Maße stattfinden zu lassen. 

Was ich damit meine? Für die Feiertage gilt zum Beispiel eigentlich die „Ein Haushalt + Vier“-Regel. Und das nicht im Wechsel – sondern nach Möglichkeit durchgehend mit demselben Personenkreis.

Für den privaten Bereich ist dies in NRW jedoch nicht verbindlich vorgeschrieben – sondern eine dringende Empfehlung. Das heißt für uns, dass wir auch in unseren Häusern einen Wechsel bei den Besucher*innen zulassen müssen. Und allen Schutzmaßnahmen zum Trotz, erhöht dies die Möglichkeiten zur Infektion enorm.

Ich will nicht nur meckern – denn vieles ist dieses Jahr auch gut gelaufen. Mit dem Rettungsschirm hat die Politik ein tolles Instrument auf den Weg gebracht, um die Pflege wirtschaftlich zu unterstützen. Wir wurden kostenlos mit Schutzausrüstung versorgt, erhielten auch abseits des Rettungsschirms finanzielle Hilfen. Davon konnten andere Branchen nur träumen – sehen sich einige aktuell doch in ihrer Existenz bedroht. 

Wir benötigen jedoch dringend mehr rechtliche Handhabe. Nicht viel – aber mehr, als was uns die aktuellen Allgemeinverfügungen und Schutzverordnungen zugestehen. Von der Pflege wird derzeit viel verlangt. „Die Träger hatten genug Zeit, ihr Personal aufzustocken“, hieß es seitens der Landespolitik, als die Pflegedienste sich landesweit über den nicht zu stemmenden Personalaufwand durch die Schnelltests beschwerten. Doch das Pflegepersonal liegt nicht auf der Straße. Und angesichts der Tatsache, dass die Pflege in den vergangenen Jahren in Sachen Personalquote quasi kaputtgespart worden ist, empfinde ich solche Aussagen als blanken Hohn.