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„Der Informationsbedarf ist riesig“

Sie sind einige von rund 340 Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine, die in Rheda-Wiedenbrück offiziell eine sichere Unterkunft gefunden haben. Erwartungsvoll sitzen die Frauen im Café Connect der Diakonie in Rheda-Wiedenbrück. Dort hilft die Flüchtlingsberatung der Diakonie Gütersloh – manchmal auch angesichts „einer beinahe unfassbaren Bürokratie“, wie jüngst Landrat Sven Georg Adenauer öffentlich kritisierte.

Wer Rat und Hilfe benötigt, kennt die Einrichtung. Denn sobald sich Geflüchtete bei der Stadtverwaltung in Rheda-Wiedenbrück melden, wird auch ein Besuch im Café Connect empfohlen. Dort, an der Hauptstraße 90, erhalten die Menschen bei Kaffee und Kuchen Orientierungshilfen, Ratschläge zum Umgang mit Behörden und vieles mehr.

Viele suchen eine Wohnung

Für Ukrainer:innen gibt es donnerstags von 13:00 bis 14:30 Uhr einen speziellen Austausch-Treff. Im Schnitt kommen jedes Mal rund 20 Personen, die meisten von ihnen Frauen. Manche leben schon viele Wochen in Rheda-Wiedenbrück, andere erst seit wenigen Tagen und noch in einer Turnhalle. Viele suchen eine feste Wohnung für sich und ihre Familien.

Die Wohnungssuche ist immer ein Thema, aber längst nicht das einzige Problem. Um sich – zumindest vorübergehend – eine neue Existenz in Deutschland aufzubauen, sind Arbeit, Kinderbetreuung und Sprachkurse wichtig. Das alles am besten auf einmal, denn eins bedingt das andere.

Realität oft ernüchternd

„Der Informationsbedarf ist riesengroß“, hat Flüchtlingsberaterin Fatma Aydin-Cangülec festgestellt. „Die Menschen stellen Fragen über Fragen.“ Zum Beispiel die: „Wie finde ich einen Kindergartenplatz? Und soll ich mit der Anmeldung lieber warten, bis ich weiß, wo ich demnächst wohnen werde?“ In diesem Fall muss die Beraterin die „Neue“ auf den Boden der Realität bringen: „Ich will euch eure Träume nicht nehmen, aber bis ihr eine eigene Wohnung findet, kann es, wenn ihr nicht viel Glück habt, ein bis zwei Jahre dauern.“

Fatma Aydin-Cangülec ist Kurdin. „Ich kann die Situation der Menschen aus der Ukraine sehr gut nachvollziehen“, sagt die 41-Jährige. „Mich beeindruckt die Stärke dieser Frauen und ihr Wunsch nach Freiheit und Demokratie.“

Und jetzt noch Spezialpapier für eine „Fiktionsbescheinigung“

Vieles sei inzwischen für Geflüchtete deutlich besser geregelt als 2015, hat die Flüchtlingsberaterin festgestellt. So müssen die Menschen aus der Ukraine keine Asylverfahren mehr durchlaufen. Das erspart ihnen eine Zeit voller Unsicherheit – nur mit einer Aufenthaltsgestattung – bis zur Anerkennung. Dennoch gibt es eine Menge zu klären, darunter einige Fälle aus „Possenhausen“. So gelten ab Juni 2022 neue Auflagen. Demnach dürfen Jobcenter bestimmte „Fiktionsbescheinigungen“ nur anerkennen, wenn sie auf Spezialpapier aus der Bundesdruckerei stehen. Ein Unding, wie die Landräte in OWL finden. Deren Sprecher Sven-Georg Adenauer sprach gar von „Material für die Heute-Show“, so das Westfalen-Blatt.

Die Flüchtlingsberaterin macht das Beste aus der Situation. Sie sorgt für den kurzen Draht zu den Behörden, hilft beim Ausfüllen von Formularen, fragt nach, ob alle Anwesenden schon den Stadtpass haben. Der ermöglicht einen ermäßigten Eintritt ins Freibad – die Kinder wollten so gern schwimmen gehen. Sie erklärt, wie Zehnerkarten genutzt werden. Und sie klärt, was seit dem 1. Juni 2022 bei der Kfz-Haftpflichtversicherung und der Zulassung ukrainischer Fahrzeuge in Deutschland zu beachten ist.

Dringend gesucht: Übersetzer*innen

Während Fatma Aydin-Cangülec eine dringende Frage telefonisch mit dem Sozialamt klärt, üben die Ukrainerinnen Deutsch mit der ehrenamtlichen Übersetzerin Natalja Dur. „Oma?“ „Das bedeutet Babusya.“ „Und Opa?“ „Didus.“ Die Frauen lachen.

Ohne Natalia Dur liefe sehr wenig in den Donnerstagstreffen. Sie hat sich freiwillig zum Dolmetschen gemeldet und ist seit den ersten Treffen im März 2022 dabei. Die gebürtige Ukrainerin lebt schon seit einigen Jahren im Kreis Gütersloh, kam über eine Arbeitsstelle in der Fleischindustrie hierher. Wenn sie mal keine Zeit für das Treffen hat, muss der Google-Übersetzer einspringen, aber das reicht natürlich nicht aus und kam bisher zum Glück nur einmal vor. Deshalb sucht die Diakonie für Rheda-Wiedenbrück dringend jemanden, der oder die Deutsch und Ukrainisch oder Russisch spricht.

Wie wichtig es ist, die hiesige Sprache zu beherrschen, haben die Ukrainerinnen schnell festgestellt. Für Alina Pelin ist es das nächste große Ziel. Die Tierärztin hat über die Diakonie bereits Kontakt zu einer hiesigen Kollegin geknüpft, doch der aktive Arbeitseinsatz scheitert noch an mangelnden Deutschkenntnissen.

Deutsch im Gespräch über Alltägliches lernen

Sprachkurse sind rar, Lehrende sowieso, und dann bleibt die Frage, wer in der Zwischenzeit auf die Kinder aufpasst. Gesucht werden daher auch Freiwillige zur Kinderbetreuung und für Deutschkurse – niedrigschwellig. Das heißt: Es müssen keineswegs Lehrer*innen sein. Vielmehr geht es darum, Alltagssprache beizubringen, zumindest so lange, bis die offiziellen Sprachkurse beginnen. Vormittags? Nachmittags? All das lässt sich im Gespräch mit Fatma Aydin-Cangülec klären. Sie würde sich sehr über Freiwillige freuen.

 

Ihre Kontaktdaten: Fatma.Aydin-Canguelecdiakonie-guetersloh.de, Tel. 05242-93117-3320

Der Betrieb des Café Connect ist auf Spenden angewiesen. Die Bankverbindung lautet:

Diakonie Gütersloh e.V., KD Bank eG, Dortmund
lban: DE50 3506 0190 2118 1550 28
BIC: GENODED1 DKD
Verwendungszweck: 313/Café Connect.

Austausch-Treff des Café Connect für geflüchtete Menschen aus der Ukraine (v. l.): Übersetzerin Natalia Dur (l.), Valentyna Kyrienko, Krystyna Boishtian, Anna Koika, Alina Pelin und Flüchtlingsberaterin Fatma Aydin-Cangülec. Die drei Ukrainerinnen sind auf der Suche nach einer eigenen Wohnung in Rheda-Wiedenbrück. Foto: Diakonie Gütersloh

Fatma Aydin-Cangülec, Flüchtlingsberaterin der Diakonie Gütersloh, managt das Café Connect in Rheda-Wiedenbrück. Foto: Diakonie Gütersloh