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Flüchtlingsberatung als Regelangebot statt Dauerprojekt: Diakonie Gütersloh fordert ein Umdenken in der Politik und den Ausbau von Beratungsstellen

Mehr Unterstützung für geflüchtete Menschen sowie eine Verstetigung der Finanzierung für die entsprechenden Beratungsangebote: Diese Forderungen hat die Flüchtlingsberatung der Diakonie Gütersloh dem Landtagsabgeordneten Raphael Tigges mit auf den Weg nach Düsseldorf gegeben. Der Vorsitzende des CDU-Kreisverbands Gütersloh hat bei einem Vor-Ort-Termin mit Björn Neßler, Vorstand der Diakonie Gütersloh, und Mitarbeitenden der Flüchtlingsberatungsstelle über die Herausforderungen in der Arbeit vor Ort diskutiert. Anlass war ein Brief der Diakonie Gütersloh u. a. an die Landespolitik gewesen. Darin macht die Diakonie auf die Defizite der aktuellen Flüchtlings- und Integrationspolitik aufmerksam.

Raphael Tigges besuchte die Flüchtlingsberatungsstelle Gütersloh und das Begegnungszentrum Café Connect, um sich einen besseren Einblick zu verschaffen. „Für die weiteren Gespräche auf städtischer und Landesebene ist es mir wichtig zu verstehen, wie die Arbeit vor Ort aussieht und welche konkreten Bedarfe bestehen“, erklärte er.

Das erläuterten die Beteiligten seitens der Diakonie ausführlich. So fordert der Fachbereich Migration und Flucht der Diakonie den Ausbau der Beratungsstellen und deren längerfristige Förderung, eine weitere Öffnung des Bleiberechts und mehr Integrationskurse. „Menschen finden sich am schnellsten in neuen Lebensumständen zurecht, wenn sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben, sich frei entfalten und für sich selbst sorgen können. Das geschieht am besten durch umfassende schulische Bildung, Deutschförderung und einen niedrigschwelligen Zugang zu Ausbildung und Arbeit“, fasste Björn Neßler während des Termins zusammen.

Zahlreiche Hürden

Dafür sind eine qualitativ hochwertige Beratung und eine enge Begleitung der Menschen entscheidend. Hier ist ein langer Atem gefragt: Die Mitarbeitenden des Fachbereichs Migration und Flucht der Diakonie Gütersloh beobachten den Teilhabe-Willen der Klient*innen. Allerdings sind die Zugangsmöglichkeiten oft sehr eingeschränkt. Die langjährige Erfahrung in der Arbeit mit und für Geflüchtete zeigt, dass insbesondere die restriktive Auslegung von rechtlichen Grundlagen und die geringe Nutzung von Ermessensspielräumen die Teilhabe erschwert. Auch strukturelle Hürden, wie eine Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt oder die fehlende Erteilung einer Arbeitserlaubnis, stehen den Integrationschancen konträr gegenüber. Daher plädiert die Diakonie Gütersloh unter anderem für die gleichberechtigte Teilhabe aller Flüchtlinge an Bildung und Arbeit, unabhängig von Aufenthaltsdauer und -status. Ein selbstbestimmtes Wohnen außerhalb von Sammelunterkünften und eine angemessene Gesundheitsversorgung sollen das Ankommen erleichtern. „Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus brauchen realistische Perspektiven zur Erlangung eines Bleiberechts“, betonte auch Benjamin Varnholt, Geschäftsbereichsleitung Beratung bei der Diakonie Gütersloh. 

1.200 Geflüchtete auf zwei Vollzeitstellen

Aufs Tapet brachten die Berater:innen das Thema Förderung der Flüchtlingsberatung: Statt ständiger Neuverhandlungen über den Fortbestand und Stellenanteile und geringen Zuschüssen für Übersetzungskosten drängt der Fachbereich darauf, die Finanzierung zu verstetigen und auszubauen. Marvin Hemkendreis von der Flüchtlingsberatungsstelle erklärte: „Wir teilen uns zu dritt zwei Vollzeitstellen. Dem gegenüber stehen 1.200 Menschen mit Fluchthintergrund, die zu uns kommen, deren Namen und Geschichte wir kennen.“ Für ein Wohnungs-Projekt für geflüchtete Ukrainer:innen hatte die Stadt jüngst eine weitere halbe Stelle bewilligt. „Hier wissen wir den Einsatz unserer städtischen Verwaltung sehr zu schätzen“, sagte Benjamin Varnholt.

Auskömmlich ist die Finanzierung dennoch nicht, die Beratungsstelle läuft im Defizit. „Ohne den Zuschuss über die Kirchensteuer könnten wir diese qualitativ hochwertige Arbeit nicht tun“, bekräftigte Björn Neßler.

Ehrenamt braucht Hauptamt

Wie in der ersten Flüchtlingskrise 2015 wird das Ehrenamt benötigt. Für Begleitung Einzelner oder von Familien, für Begegnungsangebote aber auch für die Orientierung in der Aufnahmegesellschaft. „Wir bieten die Möglichkeit für Vernetzung, Austausch, Begegnung und ehrenamtliches Engagement“, sagt Flüchtlingsberaterin Fatma Aydin-Cangülec. „Solche Projekte müssen aber auch immer hauptamtlich begleitet, die Ehrenamtlichen geschult und nicht allein gelassen werden.“ Derzeit benötigt die Flüchtlingsberatung der Diakonie Gütersloh noch dringend Ehrenamtliche mit Sprachkenntnissen in Russisch oder Ukrainisch.

Von links: Landtagsabgeordneter Raphael Tigges sprach mit Marvin Hemkendreis, Fatma Aydin-Cangülec (beide Flüchtlingsberatung Diakonie Gütersloh), Benjamin Varnholt (Geschäftsbereichsleitung Beratung Diakonie Gütersloh, hinten rechts) und Björn Neßler (Vorstand Diakonie Gütersloh, vorne rechts) über die Herausforderungen der Arbeit vor Ort.