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„Neue Schanze“: Netzwerken gegen Einsamkeit und Kriegsangst

Digitale Medien können älteren Menschen helfen, weiter soziale Kontakte in der Pandemie zu pflegen. Doch für die hochbetagten Gäste des Begegnungs- und Servicezentrums „Neue Schanze“ in Brackwede gilt das eher nicht: „Die Allermeisten sind zwischen 80 bis 95 Jahre alt“, erklärt Leiterin Bettina Platzbecker. „Sie möchten lieber persönlich in Kontakt bleiben.“

Die Pandemie stellt eine der größeren Herausforderungen für die „Neue Schanze“ seit ihrer Gründung vor 40 Jahren dar. Schließlich betreut der DiakonieVerband Brackwede hier Seniorinnen und Senioren, die durch das Virus besonders gefährdet sind.

36 Ehrenamtliche helfen mit

„Die Menschen bei der Stange halten und sie aus der Einsamkeit herauslocken mit den Möglichkeiten, die sich bieten.“ Dieses Motto haben sich Bettina Platzbecker und ihr Team aus inzwischen 36 Ehrenamtlichen zu eigen gemacht. Dabei handelten sie in einem großen Netzwerk. Unter anderem zählen dazu der „Runde Tisch Begegnung Brackwede“, der „Kooperationskreis Alter“, der „Brackweder Frauentreff“ und nicht zuletzt die Quartierssozialarbeiter der Stadt Bielefeld.

Die Ausgangslage

Mit Corona wuchs die Einsamkeit unter den alten Menschen: „Manchmal waren der Einkauf, der Besuch beim Physiotherapeuten oder beim Arzt die einzigen Kontakte für sie“, erinnert sich Bettina Platzbecker an die Zeit seit Mitte März 2020. „Und wer ein Smartphone besaß, nutzte es oft nur, um mit den eigenen Kindern zu sprechen.“ Online-Treffen waren daher, anders als bei den „jüngeren“ Teilnehmer*innen im „Treffpunkt Alter“, keine Option.

Telefonische Kontaktbrücke, Spaziergänge und mehr

Daher fuhr die „Neue Schanze“ zweigleisig: Zum einen setzte sie auf das Telefon. Sie belebte die „telefonische Kontaktbrücke“ wieder, bot zweimal pro Woche eine telefonische Sprechstunde an und koordinierte beispielsweise ein Gedächtnisquiz.

Zum anderen organisierte sie Treffen in Präsenz. Beispiele:

Ein Begleitdienst, bestehend aus sieben Frauen und einem Mann, unternahmen Spaziergänge mit einzelnen Personen. Die Sitzgymnastik, eins von vielen Freizeitangeboten der „Neuen Schanze“, wurde kurzerhand nach Draußen verlegt. Zum Klönen bestand ebenfalls Gelegenheit an der frischen Luft, etwa bei einer „Bücher-Tauschaktion“ vor dem Haus zum „Tag des Buches“. Weitere Aktivitäten lassen sich auf der Website nachlesen.

Ergänzend ging Bettina Platzbecker hinaus ins Stadtzentrum und ins Quartier. Sie organisierte eine Waffelback- und Verteilaktion, beteiligte sich an den Bollerwagen-Aktionen des Kooperationskreises Alter, die anstatt des Cafés „auf halber Treppe“ unter anderem an der Rostocker Straße und am Spielplatz Auf der Siegenegge stattfanden. Gemeinsam mit den Stadtteilkoordinator*innen – ebenfalls Mitarbeitende beim DiakonieVerband Brackwede – führte sie in der Adventszeit oder auch zum „Tag der Komplimente“ Gespräche an der Hauptstraße.

Andachten mit Verstärkern vor den Häusern im Quartier wurden ebenfalls gut angenommen.

Die Seniorenhilfe leistete Unterstützung in Bereichen, in denen persönliche Kontakte vermeidbar waren: Die ehrenamtlichen Helfer*innen montierten Kellerregale, reparierten Fahrräder und pflegten Balkonkästen.

Bewährt haben sich seit zwei Jahren auch die Einkaufshilfen im Rahmen der „Baumstarken Nachbarschaften“: Die „Neue Schanze“ vermittelt sie in Absprache mit der Stadt Bielefeld und der AWO.

„Alle haben wir nicht mehr erreicht“

Zu Ostern und zu Weihnachten schrieb Bettina Platzbecker Briefe an die Seniorinnen und Senioren. Dennoch: Trotz aller Bemühungen seien ihr Gäste „abhandengekommen“; schätzungsweise zehn bis 20 Prozent. „Alle haben wir nicht mehr erreicht“, sagt die Leiterin der „Neuen Schanze“. „Einige zogen sich aus Angst vor Corona zurück und andere, weil bei Telefonaten das Hörgerät nicht funktionierte.“

Weitere Präsenzveranstaltungen starten

Umso wichtiger war es, dass im Juli 2021 das Café in der „Neuen Schanze“ wieder öffnen konnte, sechs Monate nach der Schließung in der Weihnachtszeit 2020. Aktuell dürfen Gäste mit Voranmeldung vorbeikommen. Es gilt die 2G-Regel. Die Maske bleibt auf. Nur zum Kaffeetrinken darf sie abgenommen werden.  Man sieht sich wieder und redet miteinander. Man spielt gemeinsam Bingo oder ein Frühlingsquiz.

Zu den Veranstaltungen, die bereits wieder im Haus möglich sind, zählen auch das Töpfern, die Frauen- Schreibwerkstatt, der Näh- und Strickkreis, alle Sportangebote, das Frühstück und nicht zu vergessen der dienstägliche Themennachmittag, mit abwechslungsreichem Programm.

Spätestens jetzt bewährt sich der 107 Quadratmeter große Saal im Service- und Begegnungszentrum des  Diakonieverbandes Brackwede. Maximal 20 Personen dürfen gleichzeitig in dem Raum sein, der bequem Platz für 60 bis 70 Personen bieten würde.

Im Frühling eröffnen sich neuen Möglichkeiten draußen, zum Beispiel beim Grillen am 12. April 2022.

Das Thema Einsamkeit bleibt aktuell

Seit dem 20. März 2022 gelten weitere Lockerungen durch Bund und Länder. Hat sich damit das Thema Einsamkeit für alte Menschen erledigt? „Nein, gar nicht“, sagt Bettina Platzbecker. „Die Leute kommen nur langsam wieder zu uns. Viele haben weiter Angst vor einer Infektion. Und wenn sie von den hohen Corona-Fallzahlen hören, verstehen sie gar nicht, warum jetzt überhaupt gelockert wird.“

Außerdem erreichen Bettina Platzbecker nach wie vor Anrufe wie dieser eines 65-jährigen Herrn, der sagt: „Ich bin so einsam. Ich weiß gar nicht, ob sich mein Leben noch lohnt. Kann jemand bei mir vorbeikommen?“

Die Leiterin des Service- und Begegnungszentrums ist häufig erste Ansprechpartnerin. Sie versucht, über ihr Netzwerk für jeden Einzelfall die passende Lösung zu finden. Das können der Begleitdienst und andere Service-Angebote aus dem eigenen Haus sein. Manchmal werden aber auch die gerontopsychiatrische Tagesklinik an der Moltkestraße mit einbezogen, die Tagespflege in Bethel oder die Quartierssozialarbeiter der Stadt.

Reden über Kindheitserinnerungen aus dem II. Weltkrieg

Und schließlich legt sich das Thema Krieg wie Blei auf die Gemüter. Bei so manchen Hochbetagten werden eigene Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wach. Sie brauchen jemanden, mit dem sie reden können. Um Ängste abzubauen, bietet das Begegnungszentrum zusammen mit dem Treffpunkt Alter Gesprächsrunden an, mit Karten, die zum Erzählen über Hoffnungen und Sorgen anregen.

Alle aktuellen Veranstaltungen des Begegnungs- und Servicezentrums „Neue Schanze“ finden sich auf der Webseite des DiakonieVerbands Brackwede: https://bit.ly/3wxlsDk

Bettina Platzbecker ist außerdem direkt erreichbar unter der Telefonnummer 0521-94239-217 oder per E-Mail: bettina.platzbeckerdiakonie-bielefeld.de

Bettina Platzbecker, Leiterin des Begegnungs- und Servicezentrums „Neue Schanze“ in Brackwede, ist oft erste Ansprechpartnerin für SeniorInnen und Senioren sowie für deren Angehörige. Mit ihrem Netzwerk erarbeitet sie für jeden Einzelfall eine möglichst passende Lösung.

Bettina Platzbecker, Leiterin des Begegnungs- und Servicezentrums „Neue Schanze“ in Brackwede, schuf während der Pandemie auch draußen Begegnungsmöglichkeiten. Am „Tag des Buches“ zum Beispiel veranstaltete sie eine „Bücher-Tauschaktion“. Senior*innen und Senioren kamen zum Klönen vorbei.

Bei alten Menschen, die den II. Weltkrieg miterlebt haben, wecken die Bilder aus der der Ukraine manchmal Erinnerungen an eigene schlimme Erfahrungen. Bettina Platzbecker vom Begegnungszentrum „Neue Schanze“ (l-) und Christina Schütte vom „Treffpunkt Alter“ (r.) bieten Gesprächskreise an, damit die Betroffenen über Sorgen und Hoffnungen reden können.