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„Mehr Einsatz für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund nötig“

Die USA wollen die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge künftig verdoppelt – von 62.500 auf 125.000 Menschen pro Jahr. Das haben die Vereinigten Staaten anlässlich der aktuell laufenden UN-Vollversammlung verkündet. Eine gute Nachricht – aber doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Weltweit waren Ende 2020 laut UN-Angaben mehr als 82 Millionen Menschen auf der Flucht – so viele wie noch nie. Und dass diese Zahl künftig sinkt? Unwahrscheinlich. Vor diesem Hintergrund fordert die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände (AG Wofa) im Kreis Gütersloh von der neuen Regierung mehr Engagement in Sachen Flucht und Migration: Mehr Teilhabe für Menschen mit Flucht- und/oder Migrationshintergrund, sichere Fluchtwege und insbesondere ein vereinfachter Familiennachzug seien dabei nur einige Punkte, bei denen Ausbaubedarf besteht. Hier habe die deutsche Politik bislang einiges missen lassen, kritisieren die sechs Mitglieder der AG Wofa.

Ende Juli beschäftigte das Schicksal des in Verl lebenden Afghanen Abudalbari O. die Menschen im Kreis Gütersloh. Der anerkannte Flüchtling erlitt in Usbekistan einen Schlaganfall bei dem Versuch, seine Familie nachzuholen. Der Reise war eine jahrelange Odyssee durch Behörden und Instanzen vorangegangen – ohne Ergebnis. Mittlerweile ist Abudalbari O. – dank zahlreicher Spenden und des Engagements eines Gütersloher Bündnisses – wieder in OWL und wird hier ärztlich behandelt. Seine Familie indes musste mangels Visum Usbekistan verlassen und ist nun wieder in Afghanistan. „Sein Schicksal wirft einen Schatten auf die aktuelle Asylpolitik in Deutschland“, findet Dennis Schwoch, Vorstand des DRK-Kreisverbands Gütersloh. „Denn dabei handelt es sich keineswegs um einen Einzelfall. Wir halten es für ein Gebot der Menschlichkeit, den vom Vorrücken der Taliban akut mit dem Leben bedrohten einheimischen Hilfskräften und ihren Familienangehörigen hierzulande schnellstmöglich großzügig und unbürokratisch Asyl zu gewähren.“ Das DRK hatte sich unter anderem für die Spendenaktion eingesetzt, die die medizinische Versorgung O.s in Usbekistan sowie den Rückflug ermöglicht hat.

„In den vergangenen Monaten ist das Thema Flucht und Migration völlig aus dem Fokus geraten“, kritisiert auch Björn Neßler, aktuell Vorsitzender der AG Wofa sowie Vorstand des Diakonie Gütersloh e.V. „Sicherlich auch wegen der Pandemie, was menschlich verständlich ist. Aber nach wie vor sind weltweit 82,4 Millionen Menschen auf der Flucht und fast täglich ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer. Die Situation in Afghanistan tut ihr übriges. Und auch die Menschen, die seit 2015 zu uns gekommen sind, sind noch längst nicht ‚richtig‘ angekommen. Wir merken in unseren Beratungsstellen tagtäglich, wie hoch nach wie vor der Unterstützungsbedarf ist. Und dass die Pandemie hier für einen echten Rückschritt gesorgt hat.“ Gruppenangebote wie Sprachkurse waren teils gar nicht oder nur eingeschränkt möglich, Behörden hatten geschlossen. „Keine Frage: Die Pandemie hat Teilhabe und Integration ausgebremst.“

Die AG Wofa fordert deswegen von der neuen Bundesregierung:

  • Sichere und legale Zugangswege für Flüchtende sowie ein vereinfachter Familiennachzug
  • Sicherstellung und Ausbau der Beratungsstrukturen
  • Schnellerer Zugang zum Arbeitsmarkt
  • Ein Recht auf Teilhabe von Anfang an
  • Dezentrale, bedarfsorientierte Unterbringung
  • Eintreten gegen Rassismus und Rechtspopulismus

Ein weiterer Aspekt, der speziell im Kreis Gütersloh eine Rolle spielt, ist das Thema Arbeitsmigration. „Eine Besonderheit im Bereich der Migration ist für den Kreis Gütersloh der kontinuierliche Zuzug von Arbeitsmigrant*innen, insbesondere in der heimischen Fleischindustrie“, erläutert Volker Brüggenjürgen Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis Gütersloh. Diese Menschen, die meist aus Südosteuropa kämen, um hier zu arbeiten, seien oft schlecht integriert und leben innerhalb ihrer Gruppe recht isoliert. „Diese Form von Armuts- und Arbeitsmigration ist die Soziale Frage unserer Zeit“, so Brüggenjürgen weiter. „Es reicht alleine nicht aus, angemessenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen oder für menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu sorgen. Es geht darum, diese Menschen gut zu integrieren.“ Dazu gehörten vorrangig das Erlernen der Sprache, insbesondere bessere Bildungschancen für Kinder und Jugendliche sowie Angebote zur Erhöhung der Teilhabechancen dieser Familien.

Infokasten: Die AG Wohlfahrt

Die AG Wohlfahrt ist eine Arbeitsgemeinschaft von sechs gemeinnützigen Wohlfahrtsverbänden im Kreis Gütersloh. Dazu gehören: der AWO Kreisverband Gütersloh, der Caritasverband für den Kreis Gütersloh, der DRK Kreisverband Gütersloh, die Diakonie Gütersloh, die Diakonie Halle sowie der Paritätische Kreis Gütersloh.

Die AG Wohlfahrt ist eine Arbeitsgemeinschaft von sechs gemeinnützigen Wohlfahrtsverbänden im Kreis Gütersloh.